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Der Wahrheit eine Gasse
Untertitel:
Anmerkungen zum Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika 1904
Autor: Hinrich R. Schneider-Waterberg
Nachrichten der Gesellschaft für Wissenschaftliche Entwicklung Swakopmund, 2006
ISBN 9991668438 (Namibia)
ISBN 3-936858-88-8 (Deutschland)
Broschur, 15x21 cm, 168 Seiten, einige sw-Fotos
Unser Hinweis:
Diese heiß diskutierte Sammlung von Artikeln und Leserbriefen, die Hinrich R. Schneider-Waterberg meistenteils in der Allgemeinen Zeitung und den Nachrichten der GFWE veröffentlicht hat, wurde nun von der Gesellschaft für Wissenschaftliche Entwicklung in Swakopmund, gesammelt als Sondernummer, herausgegeben. In dieser Zusammenstellung sind diese gut geeignet, die interessanten Ansätze und Ergebnisse des Autors kennenzulernen.
Schneider-Waterberg, beheimatet auf Okosongomingo, widmet sich der Erforschung des Herero-Deutschen Krieges und hat, ohne studierter Historiker zu sein, im Verlauf seiner Beschäftigung mit dem Thema, einige beachtliche und anerkannte Rechercheerfolge und Überlegungen eingebracht. Der Schwerpunkt seiner Ansätze und Ergebnisse liegt auf der Auswertung noch unveröffentlichter, unberücksichtigter oder weitgehend unbekannter Dokumente, um einer Festschreibung der These vom genozidalen Vorgehen der Schutztruppe in der heutigen Geschichtsschreibung entgegenzuwirken.
Der Blick auf den Berg:
Der Verfasser ist Farmer - Landwirt - am historischen Waterberg. Das war vor ihm schon sein Vater und ist nun auch der Sohn Hinrich, der den Großviehbetrieb jetzt leitet.Der Vater, aus Hessen stammend, hatte in den Jahren 1908/1909 ein paar Auslandsjahre in England unterbrochen, um seine einjährig freiwillige Wehrpflicht in einer Kolonie zu absolvieren. Dazu diente er im unweit des Waterbergs gelegenen Okanjande. Als dort das Wasser für die Pferde ausging, ritt seine Kompanie zu den Waterbergen. Eine kleine Quelle am kleinen Waterberg hatte es ihm dabei im wasserlosen, menschenleeren und schier unendlichen Lande angetan. Der Besitz um die kleine Quelle war unvermessen und streng genommen unveräußerlich, als er einem kinderreichen Brunnen- und Bahnbauer zugeteilt wurde, der aber, wie es damals häufiger vorkam, bald zahlungsunfähig wurde. Das Land war zwar roh und unentwickelt, es waren aber in der Umgebung keine Farmen mit Wasser zu vergeben. Daher erwarb der "Einjährige" diese erste Farm für 30.000 Mark, was, wie sich später herausstellen sollte, seine Mittel fast erschöpfte.
Das heutige Wohnhaus erbaute er 1912. Aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrend fand er es von englischen Unionstruppen niedergebrannt. Es wurde mit schweren roten Sandsteinquadern vergrößert wieder aufgebaut. Das Haus liegt am Hang. Von der breiten Veranda geht der Blick auf das majestätische Massiv des großen Waterbergs. Die Fläche zwischen den Bergen war im August 1904 Teil des Schlachtfeldes der "Schlacht am Waterberg", die die Herero heute die "Kämpfe von Hamakari" nennen.
Der Vater hatte zu den Pionieren gehört, die mit idealistischen und vielleicht romantischen Vorstellungen an der rasch erstarkenden Entwicklung des Landes nach 1908 mitwirkten. Die Herero hatten das Jahr 1908, in dem die Kriegsgefangenschaft beendet wurde, "onguturiro", Jahr der Befreiung, genannt. Sie erzählten ihm manches vom Krieg. Von Offizieren in Okanjande, die im Hererokrieg dabei gewesen waren, hatte er auch dies und das gehört. Ihm fiel auf, daß nicht alles so in den Büchern stand, die er bereits früh anfing zu sammeln.
Daher wuchs der Verfasser mit einer ergiebigen Namibiana-Bibliothek auf, die er über die Jahre ergänzte. Gemeinsinn und Interesse für die Geschichte des Landes sowie seine Bereitwilligkeit, beide Seiten einer Sache zu sehen, sind ein weiteres Erbe, das er bei sonstiger Entschlossenheit nicht verleugnen will.
Der Vater hatte mit Angehörigen des vordem in der Umgebung nomadisierenden und in Waterberg uralt 1903 verstorbenen einflußreichen Häuptlings Kambasembi schon früh Kontakt. Als dessen bedeutender Sohn und Nachfolger Salatiel aus Angola in den 30er Jahren zu alten Wohnsitzen im "Reservat" von Okakarara zurückgekehrt war, hatte er sich für ihn eingesetzt. Als Salatiel 1942 starb, vermachte er ihm einen Ochsen als Zeichen der Anerkennung. Die guten Beziehungen haben sich zwischen den Familien erhalten.
Der tägliche Blick dreier Generationen auf die historische Landschaft und der Umgang mit Menschen und deren Nachkommen, die als Halbnomaden dieses Land manches Mal auf ihren Zügen bewohnt und durchstreift hatten, regen zu einem ganzheitlichen Verständnis von Wechselwirkungen und -beziehungen der Menschen mit ihrer Umgebung und Geschichte an. Die damals gebräuchliche Beifügung des Farmnamens zum Nachnamen des Farmbesitzers beschloß der Vater in seinem Fall für die Familie legalisieren zu lassen. Der zu diesem Zeitpunkt noch unmündige Verfasser konnte aber, vielleicht allzu unbekümmert, gerade noch geltend machen, daß der Farmname Okosongomingo (Jungviehplatz) zwar melodisch, historisch und ausdrucksvoll war, andererseits aber mit einem in allen Landessprachen verständlicheren Namen wie dem der Farm Waterberg passender ersetzt werden könnte. Dies wurde 1952 behördlich so verfügt.
Bereits als Schüler hatte der Verfasser die Landesgeschichte in Bezug auf die Landschaft um die Waterberge hinterfragt und vom Vater manche Erklärung bekommen, die nicht in Büchern stand. Sein ökologisch ausgerichtetes Landwirtschaftsstudium wies den Verfasser auf die Problematik der Wasser- und Weideverhältnisse der Umgebung auch jenseits der jeweiligen Besitzverhältnisse hin.
Später schlug der Verfasser, ebenso wie seine Nachbarn, Dutzende von Tiefbrunnen, und man verlegte viele Kilometer an Rohrleitungen, baute Staudämme und faßte Quellen, nur um für ein paar tausend Rinder Wasser in Reservoirs und Trögen zu schaffen, wo früher einmal angeblich hunderttausende Rinder und das ganze Hererovolk zusammen mit lausenden Tieren und Soldaten der Truppe an Wasserlöchern getränkt wurden.
Wie war es denn nun wirklich gewesen?
Anstöße
Für den entscheidenden Anstoß, selbst historischen Quellen nachzugehen, gab es einen nichtigen, wenngleich anschaulichen Anlaß. Im Jahre 1990 fiel bei der Lektüre eines gerade erschienenen Kolonialgeschichtswerks [Walter Nuhn, Sturm über Südwest, Koblenz 1989] auf, daß ein darin bisher unbekannter historisch bedeutsamer Brief Samuel Mahareros zwar mit vollem Text aber undatiert erschienen war. Eine genauere zeitliche Fixierung des Briefs erschien aus mehreren Gründen wünschenswert, weil es sich hier um Samuel Mahareros Antrag auf Asyl handelte, den er nach seiner Flucht ins britische Betchuanaland an den "Magistrate" in Tsau am Ngami gerichtet hatte. Der Brief sollte der Quellenangabe nach in London liegen. Der Sohn des Autors war zufällig im Urlaub in London und es machte ihm Vergnügen, im großartigen Britischen Staatsarchiv (Public Record Office) dem historischen Dokument und seinen Begleitumständen nachzugehen.
Bald kamen ein Dutzend Notizblätter an, die Auszüge amtlicher Berichte aus dem damaligen British Betchuanaland enthielten. Aus ihnen ging hervor, daß Samuel Maharero und sein Sohn Friedrich sich mindestens bereits im September des Jahres 1904, und weiterhin, daß sich hunderte Herero schon Wochen oder Monate früher im British Betchuanaland eingefunden hatten. Boten hätten berichtet, daß "hunderte Herereo, vor allem Frauen und Kinder auf dem Weg dahin verhungert und verdurstet waren". Das Verblüffende an diesen Berichten war jedoch, daß sich diese Ereignisse Wochen und selbst Monate vor dem Oktober 1904 abgespielt hatten, in den die Geschichtsschreibung bisher einen Exodus und den Untergang der Herero in der Omaheke gelegt hatte.
Kennzeichnend für die Überraschungen dieser Urlaubstage war dann auch das Datum des besagten Briefs Samuels an den britischen Magistrat: Unmißverständlich und einwandfrei war es demnach der 28. September 1904, an dem er sein Schreiben mit den Worten begann: "Ich bin im Batawana- (Betchuana-)land..." An diesem selben Tag aber vermutete bekanntlich bisher die Geschichtsschreibung Samuel und "das Hererovolk" noch hunderte von Kilometern entfernt am Rande der Omaheke und den General von Trotha nach einer "rücksichtslosen Verfolgung" - während des September! - im Begriff, an diesem und dem nächsten Tag einen "letzten Schlag gegen Samuel" zu führen, den er vor sich zu haben glaubte.
Sogar noch vier Tage später, also erst im Oktober, so glaubte die gängige Lehrmeinung es zu wissen, habe der General mittels einer Proklamation Samuel und sein Volk des Landes verwiesen und in den sicheren Tod in die "wasserlose Omaheke" getrieben. Dieser regelmäßig zitierte dramatische Kurzschluß war zwar dem Verfasser längst eher als Vermutung erschienen, die mit dem weiteren Ablauf des Hererokrieges kaum in Einklang zu bringen gewesen war, nun aber kam das ganze bisherige Gerüst der Geschichte des Hererokrieges ins Wanken, indem der Beweis erbracht war, daß zumindest Samuel und wesentliche Teile seines Volkes sich bereits im September im britischen Gebiet befanden und nicht im Oktober im Sandfeld in einem Genozid umkamen, wie herkömmliche Chroniken es wahrhaben wollen.
Wenn es denn niemand anders tun würde, so reifte beim Verfasser damals der Wunsch, dann wolle er wenigstens zu seiner eigenen Aufklärung selber feststellen, "wie es denn wirklich gewesen sei."
Wenn er es also wissen wollte, dann - und das war nun klar geworden - mußte er selber unberücksichtigte Quellen und Zusammenhänge finden und erforschen.
Diesen Weg wollte der Verfasser gemächlich, eigennützig und allein gehen. Ihn trieb weder Eile, noch Broterwerb, es fehlte zwar die Muße, aber er hatte auch nicht vor etwas zu publizieren. Doch es sollte anders kommen, denn es war gerade die Ausbeute späterer Besuche des Verfassers im Public Record Office in London, die zu Veröffentlichungen Anlaß gab.
Inhalt:
Vorwort
Danksagung
Der Blick auf den Berg
Eine Einführung
Der Wahrheit eine Gasse
"Konzentrationslager" als Einrichtungen
kolonialer Kriegsrührung im südlichen Afrika
Aspekte der Hereroklage
Das Britische Blaubuch
Entstehungsgeschichte und geschichtliche Bedeutung
Verschollen?
Ein britischer Offizier beim Generalstab der Schutztruppe
Swakopmund 1905 in Berichten des Oberstleutnant Trench
Entrümpelung der von Trothaschen Proklamation vom 2. Oktober 1904
Planmäßig verbrecherische Kriegsführung?
Fremde Federn
Brigitte Lau: Ungewisse Gewißheiten
Anstelle einer Karte
Chronologie

